Wie entstehen unsere Grenzen?

Wie entstehen unsere Grenzen?

Bild von Mahdi Soheili

Nachdem das Thema im letzten MeetUp, dass eine Kollegin und ich moderiert haben, "Grenzen setzen" war, habe ich mich mit diesem Thema noch einmal genauer beschäftigt und möchte meine Ergebnisse dieser Auseinandersetzung hier mit dir teilen.

Die Fragen, die ich mir gestellt habe, sind:

Was sind überhaupt Grenzen?

Woher kommen sie und wozu gibt es sie?

Was sind Reaktionen auf Grenzen, die ich oder jemand anderes haben?

Wie entstehen Grenzen?

In welcher Beziehung stehen Grenzen und Bedürfnisse?

Zu diesen Fragen möchte ich in diesem Blogartikel meine Erfahrungen und Gedanken mit dir teilen. Ich freue mich, wenn du auch Erfahrungen hast, wenn du sie mit mir teilst und wir uns austauschen. Gerne direkt hier oder via Social Media. 😉

Was sind überhaupt Grenzen? Woher kommen sie und wozu gibt es sie?

Was gibt es für Grenzen, mit denen wir uns im Alltag konfrontiert sehen? "Es gibt geografische und kulturelle Grenzen zwischen Ländern, Städten und Landesteilen. Es gibt soziale, sprachliche und ethische Grenzen innerhalb der Gesellschaften." (aus: http://www.vimu.info/general_04.jsp?id=mod_1_1) "Allgemein hat eine Grenze die Aufgabe, die Welt zu ordnen. Somit heißt Grenzen ziehen immer Entscheidungen treffen, um das "hier und dort" voneinander abzugrenzen." (aus: https://www.grin.com/document/437041)

Grenzen sind also nicht nur allein im Raum vorhanden, sondern es gibt auch Grenzen, die vom Menschen gemacht werden. In unserem Leben begegnen wir immer mal wieder unseren eigenen Grenzen - z.B. unseren körperlichen Grenzen, wenn wir uns z.B. einen Arm brechen und nicht mehr schreiben und essen können.

Wir stoßen an Grenzen unserer körperlichen Kraft, wenn wir nicht schaffen, ein schweres Sofa allein bei unserem Umzug zu tragen. Wir kommen an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit, wenn wir z.B. viele Überstunden machen und uns keine Auzeit gönnen. Wir kommen an die Grenzen unserer Geduld, wenn wir gestresst sind und dann liegt die Grenze womöglich niedriger als sonst. Darüber hinaus können wir auch im Laufe unseres Lebens an unsere finanziellen Grenzen stoßen, ich denke da zurück an meine Studienzeit.

In all diesen Situationen merken wir, wir kommen nicht mehr so weiter. Oft holen wir uns Hilfe und Unterstützung beim Umzug, wir nehmen uns Urlaub, um unsere Batterien wieder aufzuladen, wir nehmen uns eine Pause, um wieder geduldiger zu sein und weniger Stress zu empfinden.

Wir lernen zu handeln. Wir lernen uns Lösungen zu überlegen, wir überlegen uns Strategien, nicht noch einmal an diese Grenze zu kommen, wir diskutieren mit anderen Menschen und tauschen uns zu Erfahrungen aus, wir lösen Grenzen auf.

In uns befinden sich also bereits viele verschiedene Muster und Strategien, die wir in unserem Leben durch Erfahrungen erlernt haben, und uns zeigen, wie wir Grenzen überwinden können. Dies ist ein Fundus, den ich dir hier gerne einmal bewusst machen möchte.

🙋🏻‍♀️
Wenn du magst, halte einmal inne und erinnere dich zurück, welche Grenzen du bereits überwunden hast. Denke daran, wie du sie überwunden hast und welche Strategien und Lösungen, du für dich als hilfreich kennen gelernt hast, du heute oft einsetzt? Wer hat dir dabei geholfen und wie? All diese Gedanken sind dein Fundus, behalte sie als deine Ressource bereit, schreibe sie dir vielleicht auch auf, damit du sie dir zu einer anderen Zeit noch einmal durchlesen kannst.

Wie entstehen Grenzen? Was sind meine Reaktionen auf Grenzen, die ich oder jemand anderes setzt?

Es gibt nicht nur unsere Grenzen, die wir haben oder überschreiten, sondern auch das Gegenüber, dass unsere Grenzen überschreitet.

Nicht immer merken wir direkt, dass dort eine Grenze von uns überschritten wird. Meistens findet der Vorgang unter keiner bösen Absicht statt. Der Unterschied zur Setzung unserer eigenen Grenzen, ist in diesem Fall, dass wir hier passiv sind und nicht direkt handeln.

Wenn dies öfter passiert, kann es sein, dass wir uns machtlos und fremdgesteuert fühlen, wir im schlimmsten Fall immer wieder vor dieser Grenzüberschreitung fliehen müssen und krank werden. Da frühzeitig entgegen zu wirken ist gesund und du erhältst präventiv ein gesundes Verhältnis zu deinen Grenzen von innen und Grenzen von außen. Die Methoden, die ich dir später vorstelle, können dir dabei helfen.

Wie reagieren wir Menschen denn generell, wenn unsere Grenzen verletzt werden?

🙋🏻‍♀️
Hier kannst du kurz inne halten und bevor du weiterliest dir eine Liste deiner Reaktionen auf Grenzen und Grenzverletzungen machen.

Die Reaktionen sind vielseitig, so wie wir Menschen vielfältig sind, reagiert auch jeder Mensch anders auf Grenzen, die verletzt werden.

Einige Reaktionen, die ich erfahren habe sind:

  • Streit
  • Schweigen
  • keine Reaktion
  • Zorn
  • Wut
  • Hilflosigkeit
  • Agressionen
  • Schuldgefühle
  • Zurückziehen
  • das Gefühl haben zu versagen
  • das Gefühl haben unzulänglich zu sein
  • der Vergleich mit Anderen.

Was bemerkst du bei dieser Vielfalt möglicher Reaktionen? Ja, stimmt, diese Liste ist noch mit vielen Reaktionen erweiterbar.

Du merkst: Grenzen sind sehr persönlich und Grenzen an sich sind weder gut noch schlecht. Grenzen können sich im Laufe des Lebens verändern oder verschieben.

Sie sind persönlich, da sie aus Erfahrungen, Erlebnissen und Entwicklungen entstehen, die wir alle sehr individuell für uns erleben und abspeichern. Grenzen haben etwas mit unseren Werten und Einstellungen zu tun.

Ein Beispiel: Ehrlichkeit

Wenn für dich Ehrlichkeit einen sehr hohen Stellenwert hat, dann wird es dir sehr schwer fallen, eine Lüge mitzutragen. Für jemanden, der diesem Wert weniger Bedeutung zumisst, wird es leichter fallen eine Lüge mitzutragen.

Ein anderes Beispiel, wo ich eine andere Perspektive hautnah miterlebt habe:

Wert: Pünktlichkeit

Ich war ein Jahr lang in Afrika für ein Soziales Jahr, habe dort mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet und gelebt, wurde Teil ihrer Gemeinschaft und durfte Lernen, wie sie ihr Leben gestalten.

Eines Tages machten meine Cousine und ich uns auf den Weg in ein anderes Land, um Urlaub zu machen. Die Reise sollte 2 Tage mit dem Bus dauern, der Abfahrtszeitpunkt war klar und die Ankunft ebenfalls. Schlussendlich erreichten wir unser Ziel nach 4 Tagen. Mein Wert Pünktlichkeit war nicht erfüllt. Doch ein Mitreisender gab mir einen Gedanken mit auf den Weg, der mir nis heute eine andere Sicht auf meinen Wert Pünktlichkeit brachte.

Er sagte zu mir: "Es ist doch toll, dass wir so lange gemeinsam auf Reisen waren, so haben wir uns sehr gut kennen gelernt, uns miteinander verbunden gefühlt und gemeinsame Erinnerungen geschaffen. Das ist doch viel mehr Wert, als pünktlich an einem Ort anzukommen."

Diese Erfahrung hat mir eine anderen Perspektive eröffnet, hat mir gezeigt, dass Werte aus unterschiedlichen Erfahrungen und Lebensweisen sich entwickeln. Wenn du so willst, hat sich meine Sicht auf meine Grenze, die mit dem Wert Pünktlichkeit verbunden war, nach dieser Erfahrung verschoben oder geändert. Ich bin dankbar für diese neue Grenzsetzung in meinem Kopf. 🙂

Im Gegenzug geben uns Grenzen auch Halt und bieten uns Schutz, nicht überfordert zu sein.

Sie sind eng verbunden mit den Bedürfnissen, die hinter den Grenzen, die wir selbst setzen, liegen.

In welcher Beziehung stehen Grenzen und Bedürfnisse?

Bedürfnisse liegen unterhalb unserer Grenzen. Die Grenzen, die wir durch Erfahrungswerte setzen, entspringen zumeist einem Bedürfnis, dass wir empfinden.

Ein Beispiel: Ich sage, dass ich die nächste Stunde nicht gestört werden möchte, um konzentriert zu arbeiten. Mein Bedürfnis dahinter kann nun vielfältig sein. Wenn ich diesen Satz nutze, dann möchte ich Ruhe haben, ungestört sein, produktiv sein, ohne Ablenkung etwas erarbeiten, dass mir wichtig ist.

🙋🏻‍♀️
Übung: Welches Bedürfnis liegt bei dir hinter diesem oder einem ähnlichen Satz? Welche Gedanken kommen dir in den Sinn? Formuliere gerne dein Bedürfnis hier aus.

Ich möchte, dass mein Bedürfnis wahrgenommen, bestenfalls gewertschätzt und berücksichtigt wird. Ich äußere durch die Grenzziehung, was ich möchte. Ich schenke mir selbst und meinen Bedürfnissen Aufmerksamkeit. Wenn ich im Einklang mit meinen Bedürfnissen bin, diese äußern darf und gewertschätzt werde, fühle ich mich wohl. Ich habe eine funktionierende Selbstwertschätzung, ich habe Vertrauen in meine Fähigkeiten, kenne mich und handle authentisch. Wenn meine Bedürfnisse erfüllt werden, von mir selbst und von meiner Umwelt, lebe ich erfüllter und achtsamer. Wenn ich so durchs Leben gehe habe ich eine höhere Resilienz z.B. in Bezug auf Stress und Umwelteinflüsse, die ich nicht beeinflussen kann.

Grenzen setzen hilft mir also meine Bedürfnisse zu erfüllen und dadurch mein Leben zu gestalten, wie ich es mir wünsche.

Die Kommunikation der Grenzen ist meist der Knackpunkt und deckt auf, z.B. welche Glaubenssätze mich zurückhalten.

Ein Glaubenssatz, der dazu führen kann, dass du deine Bedürfnisse nicht äußerst, kann sein "Ich möchte jeder und jedem gefallen.". In meiner Wahrnehmung fällt es uns Frauen vor allem schwer, ein Nein auszusprechen, wenn wir z.B. um Hilfe gebeten werden.

Ich selbst kenne es sehr gut, schon im Alltag merke ich, wo mich mein Glaubenssatz immer wieder triggert, z.B. wenn eine Freundin mich fragt: "Kannst du nicht doch heute um 15 Uhr spazieren gehen und nicht erst um 17 Uhr?" Dann rattert es in meinem Kopf, wie kann ich den Termin von 15 Uhr verlegen, dass ich "Ja" sagen kann, wie organisiere ich mich danach, dass ich trotzdem noch alles schaffe, was ich mir heute vorgenommen habe?

All diese Gedanken gehen mir durch den Kopf.

Kennst du das auch?

Vor einigen Jahren habe ich meine Flexibilität gefeiert und mich gefreut, alles möglich zu machen, diese Verabredung wahrzunehmen. Heute wäge ich mehr ab, ob es auch meinen Bedürfnissen entspricht mich früher zu treffen oder ob ich nicht erst einmal auf mich schauen darf und auch einmal zu einer Frage Nein sagen darf.

🙋🏻‍♀️
Wie ist das bei dir? Erwartest du, wenn du jemanden etwas fragt, immer ein "Ja"?

In den Vorbereitungen zu unserem MeetUp zum Thema "Grenzen setzen" hat meine Kollegin mich diese Frage gefragt und ich habe ganz schnell und klar geantwortet - Nein, natürlich nicht, sonst müsste ich ja auch gar nicht mehr fragen.

Dieser Perspektivwechsel hilft mir nun auch einmal Nein zu sagen, denn du darfst Ja und Nein sagen und dadurch eine Grenze setzen, die deinen Bedürfnissen mehr entspricht als zuvor.

Das ist jetzt keine Anleitung egoistisch zu werden, sondern ein Gedankenspiel achtsam mit dir und deinen Bedürfnissen umzugehen.

🙋🏻‍♀️
Vielleicht kennst du diese Situation: Du gehst offener und ehrlicher mit deinen Bedürfnissen um und sagst auch einmal Nein und auf einmal ist ein Konflikt in einer Freundschaft oder bei der Arbeit da? Was machst du dann und denkst du dir, oh nein, einen Konflikt wollte ich jetzt aber nicht im Austausch dazu, dass ich meine Bedürfnisse & Grenzen besser kommuniziere. So habe ich mir das nicht gedacht 😇

Mhm, wenn du diese Situation kennst, hast du sicher auch schon versucht, eine Strategie zu finden, damit umzugehen. Mich würde sehr interessieren welche? Was machst du in einer solchen Situation?

Eine allgemeingültige Lösung, die immer funktioniert, gibt es für mich in dieser Situation nicht. Wie so oft, kommt es auf die beteiligten Personen, ihre Beziehung zueinander, die Situation, die Umwelt und den Raum an, den ihr euch nehmt, darüber zu sprechen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn ich mein Verhalten verändere, dazu gehört natürlich auch, neue Grenzen für mich zu setzen, dass es für mein Gegenüber eine neue Situation ist, die er oder sie erst einmal verarbeiten muss. Ich agiere nun nicht mehr in der gleichen Art und Weise, die bekannt und planbar ist. Es bringt Unsicherheit mit sich, wenn ich mich anders verhalte. Und es bedeutet auch, dass wir gemeinsam wieder neu aushandeln müssen, wie wir zueinander stehen. Es bedeutet also Arbeit in unserer Beziehung, in unserer Kommunikation, für unser Verhältnis, wie wir gemeinsam Dinge erleben möchten.

Dieses Handeln bedeutet Veränderung, die mein Gegenüber vielleicht auch erst einmal nicht möchte, weil er oder sie sich dann auch anders verhalten muss.

Nochmal zu dem Beispiel von oben:

Ich sage zu meiner Freundin: "Nein, ich kann nicht um 15 Uhr.". Dann liegt der Ball der Kommunikation bei uns beiden, wie wir fortfahren wollen. Eine Möglichkeit wäre, einen neuen Termin zu suchen, an dem wir beide können. Eine andere Möglichkeit wäre, meine Freundin verlegt ihren Termin und wir bleiben bei 17 Uhr, oder oder oder. Dort ist der Phantasie keine Grenze gesetzt. Es bedeutet aber auch, dass ich die Grenze ziehe mit der Gewissheit, dass es sein kann, dass wir uns nun nicht an diesem Tag sehen. Ich setze meine Grenze mit dem Wissen, dass wir uns vielleicht eine ganze Weile nicht sehen, weil wir beide busy sind.

Diese Grenze kann Reaktionen auslösen, wie oben beschrieben: z.B. Wut, dass ein Treffen nicht stattfindet und die Organisation davon anstrengend ist; es kann Trauer auslösen, da wir uns sehr gerne sehen würden, es aber nicht schaffen zu organisieren.

Sprich die Grenze, die du neu setzt, löst Gefühle bei dir und deinem Gegenüber aus - beides in die Kommunikation mit hineinzubringen kann die Bindung zueinander stärken, kann aber auch manchmal Raum und Zeit sprengen und ist auf jeden Fall Arbeit, die beide bereit sind, zu erledigen.

Grenzen sind also eine Möglichkeit deine Bedürfnisse zu äußern und die Bedürfnisse des Anderen zu spüren, sie laden dich ein, einen Perspektivwechsel zu vollziehen und benötigen Zeit, ebenso wie die Kommunikation darüber.

Wenn du mehr wissen willst, zu Methoden, wie du Grenzen setzen kannst, dann sei gespannt auf den nächsten Blogartikel. Dort werde ich dir einige Methoden beschreiben, die für mich am wirkungsvollsten und auch sehr gut anwendbar sind.

Denn mir ist wichtig, dass du direkt Lust hast, sie im Alltag anzuwenden und zu testen.

Also stay tuned!

Deine Ruth

Seite teilen:

Kontakt & WWW